willkommen auf meiner Homepage!!!

Hier findet ihr meine persönliche Story, wie das mit der Bulimie und mit Borderline sein kann, und wie eine Therapie verlaufen kann...

Ich selber gehörte zu den Bulimikern und Borderlinern und bin froh, den Teufelskreis unterbrochen zu haben...


Hier nun einige Kapitel aus meinem "Kliniktagebuch" der 1.Therapie...

Viel Spass bei´m lesen...
Ausschnitte aus meinem Lebensbericht

Ich heiße Eva und wurde 1982 geboren. Zum Zeitpunkt als ich die Therapie begonnen habe war ich 20 Jahre alt.
Als ich vier oder fünf war haben sich meine Eltern getrennt. Mein Vater war damals Alkoholiker. Mittlerweile ist er einige Jahre trocken. Ich bin sehr stolz, dass er das geschafft hat.
Wir zogen mit meinem Stiefvater, Wolfgang zusammen.
Meine Mutter war, denke ich, die dominante Person in der Beziehung.
Ich ging nicht in den Kindergarten, weil kein Platz für mich frei war. Also war ich die meiste Zeit zuhause.
Zu dieser Zeit wurde ich von einem Nachbar sexuell missbraucht. Drei Jahre lang. Das machte er mit vielen Mädchen in der Gegend.
Sobald ein Mädchen zu ihm in den Laden kam, und kein anderer Kunde da war, schloss er die Tür ab, schob das hilflose Kind in´s Hinterzimmer. Dort war es dunkel, keine Fenster. Nur ein kleines Licht brannte. Als er dann fertig war sagte er uns, wir dürfen unseren Eltern nichts erzählen, weil wir sonst Ärger bekämen. Er schenkte uns etwas Süßes und wir konnten gehen. Aus Angst erzählte ich meinen Eltern lange Zeit nichts davon, bis es später rauskam.
Wir zogen weg, wo alles nur daran erinnerte. In der neuen Schule fand ich schnell Anschluss. Ich ging zum Kinderpsychologen um die Sache zu verarbeiten und über meine ständigen Alpträume zu reden. Die Therapie wurde vorzeitig abgebrochen, weil ich nicht auffällig war.
Damals begriff ich nicht, was dieser Mensch mit mir gemacht hatte, doch als ich in die Pubertät kam, wurde mir nach und nach bewusst, was passiert war.
In den Folgenden Jahren zogen wir öfter um. Ich fand immer schlechter einen Draht zu meinen Mitschülern und den Nachbarskindern.
1996 starb meine Oma an Krebs. Ich weiß bis heute nicht warum, aber ich habe ihren Tod nie ganz verkraftet. Ich hatte sie sehr lieb.
1998 bekam meine Mutter noch mal ein Baby, meine kleine Schwester Kyra.
Auch in der Ausbildung und auf der späteren Arbeit verstand ich mich zwar gut mit meinen Kollegen, aber ich kapselte mich immer mehr ab, zog mich zurück. Ich wollte ständig für mich sein, meine Ruhe haben. Ich ging fast nie weg, hockte mehr und mehr Zuhause.
Ich widmete mich meiner Musik, den Musicals. Nur wenn ich gesungen habe fühlte ich mich wohl.
Zu der Zeit steckte ich schon mitten in der Bulimie. Irgendwann bestand mein Leben nur noch aus fressen, kotzen, arbeiten und schlafen. Erst da begriff ich dass ich krank war und Hilfe brauchte.
Fast vier Jahre nach dem alles anfing.
Meine Therapie

-1-

Morgens 5.38h, ich wache auf. Meine Zimmernachbarin hat sich wohl in der Zeit geirrt. Putzmunter steht sie da und redet vor sich hin –ihre Lieblingsgewohnheit- glaube ich- denn das tut sie schon seit gestern, seit dem ich hier bin.
Ich versuche wieder einzuschlafen, vergebens.
Sie hat es geschafft, ich bin hellwach!
Na ja, auch gut, zumindest ist dann die Dusche noch frei, und ich kann mich frisch machen. Kaum bin ich aus der Zimmertür, da höre ich schon die Schwester:
„Guten Morgen! Oh Gott, Ihre Backe sieht ja schlimm aus...!“
Ich weiß nicht wie oft ich das jetzt schon hier gehört habe, aber bin ich denn wegen meinem gezogenen Weißheitszahn hier? Ich meine, ist ja total lieb, dass sich alle danach erkundigen, mir Kühlbeutel geben usw. aber so schlimm ist es doch nicht, tut nur ganz wenig weh.
Zurück vom Duschen lege ich mich noch ein Bisschen hin. Meine Zimmernachbarin redet immer noch. Ich überlege kurz, ja, eigentlich könnte ich sie “Sabbel“ taufen!
Nun kommt die Putzfrau:
„Guten Morgen!“
Puh, die sind alle so fröhlich hier! Sie betrachtet mich genauer:
„Sie sehen aber auch traurig aus! Ist ja auch alles nicht so einfach!“
Soll ich denn lachend auf meinem Bett sitzen? Hallo?! Ich bin in einer Psychiatrie! In der Klappa! Da ist wohl kaum jemandem zum Lachen zumute! Oder?
Ich lege also mein Lachen auf, nicke freundlich und warte bis sie endlich draußen ist.
Danach kommt so´n Kerl rein, quatscht Sabbel an.
“Oh Gott, was ist das denn für einer?“ denk ich mir.
Dann hält er ihr einen Blumenstrauß hin.
“Wow!“, schießt es mir durch den Kopf, aber die Blumen sind aus Plastik, frisch vom Flur geklaut! Komische Leute hier!
Kurze Zeit später steht die andere Zimmernachbarin in der Tür:
„Frühstück!“
Nein, nicht schon wieder essen!
Ich setze mich hin, schmiere wie mechanisch mein Brötchen. Zuerst Margarine, dann Käse, oben drauf noch Honig, fertig. Ich schaue keinen an, hoffe dass auch mich keiner anguckt. Es wäre peinlich, wenn sie mich beim Essen sehen würden. Keiner soll mich beachten! Ich hasse es beim Essen angestarrt zu werden! Ich brauche fast 20 Minuten für mein Brötchen, kann kaum kauen und möchte Heißhunger vermeiden. Warum bekomme ich überhaupt zwei Brötchen? Da kann ich ja kaum normal essen! Aber was ist schon “normal“?
Als fast alle aufgestanden sind packe ich mein Tablett zusammen. Schnell stelle ich es weg und möchte nur noch auf mein Zimmer, damit mich keiner mehr begutachten kann, mich, „DIE NEUE“!
Da fängt mich Schwester Judith vor meinem Zimmer ab:
„Gut dass Sie fertig sind! Ich muss Ihnen noch Blut abnehmen! Ich komme gleich in Ihr Zimmer und bringe noch mal einen Kühlakku mit! Legen Sie sich schon mal hin!“
Kaum sitze ich auf dem Bett, ist sie schon da. (Die hat sich aber beeilt!) Sie sagt mir ich soll mich doch bitte hinlegen. Als ob mir schlecht wird, nur weil mir jemand Blut abnimmt!
„Wo wohnen Sie denn?“
„In Nakenstorf.“
„Ach so, ist ja auch schön da!“
„Joa!“
„Wohnen Sie alleine?“
„“Ja!“
„Haben Sie einen Freund?“
„Nein!“
„Und wie gefällt es Ihnen da so?“
„Gut!“
„Und was arbeiten Sie?“
„Als Hotelfachfrau.“
„Haben Sie da Freunde?“
„Nicht wirklich.“
„Ist ja auch traurig, so ganz alleine!“
Hallo? Die wollen mich ausquetschen! Sie macht das genau so wie die anderen! Die denken wohl, ich bin schon so bescheuert, dass ich das gar nicht mehr mitbekomme!
Fragen über Fragen stellt sie mir. Ich antworte ganz brav, jedoch nur kurz und knapp, lasse mir ja nicht alles gefallen!
Sie tut so als ob sie mich versteht und Mitleid mit mir hätte, dann ist sie weg, und ich bin erleichtert!
Jaja, so ist das eben, ich habe hier kaum Freunde und ich will auch keine! Die sollen mich alle in Ruhe lassen! Ich brauche keine Freunde!
Jetzt ist mir schlecht. Ich fange an zu heulen, kann meine Tränen dieses Mal nicht zurückhalten. Nun liege ich da, mit meinem Kühlakku und nassen Wangen in einem langweiligen, sterilen Krankenzimmer und denke nach. Mein Magen scheint sich zu drehen, ich fühle mich als ob es sich in mir zerreißt.
Ich bin in Gedanken versunken, überlege ob ich nun kotzen gehen soll, da kommt die Schwester wieder, teilt mir mit, dass ein Gespräch mit der Oberärztin auf dem Programm steht. Die stellt mir zum Glück nur allgemeine Fragen: Rauchen, trinken, Medikamente, Schlafstörungen...
Später möchte sie mich dann noch komplett untersuchen. Die Therapie soll ich erst nächste Woche beginnen. Und natürlich erkundigt auch sie sich nach meiner Backe.
Als ich wieder in dem weißen Bett liege, laufen mir nochmals die Tränen. Ich will kotzen, und ich darf nicht. Wie soll ich das nur alles überstehen? Ich muss mich ablenken, aber wie? Raus? Nein, keine Lust! Lesen? Musik hören? Irgendwie habe ich auf gar nichts Lust, was mir sonst Spaß macht!
Aber dann kommt mir eine Idee: Ich möchte alles aufschreiben, was in meiner Therapie passiert. Vielleicht kann das anderen helfen.
Und dann beruhige ich mich wieder, ich wische mir die restlichen Tränen aus dem Gesicht, packe mir Zettel und Stift auf den Tisch und fange an:


-2-

Wie alles begann:

Ich mache mir viele Gedanken darüber, wie das alles angefangen hat. Geäußert hat es sich das erste Mal, als ich auf Norderney gewohnt habe. Da fing ich meine Ausbildung zur Hotelfachfrau an. Eines Mittags, ich hatte nur Salat gegessen, war mir total schlecht. Ich überlegte nicht lange, ging auf die Toilette, kurz nach vorne beugen, pressen, drücken, würgen und das war´s.
Von da an habe ich das öfter gemacht. Ich habe ab und zu gesagt, dass mir schlecht ist, da brauchte ich dann keine Rechenschaft dafür ablegen.
Eine Kollegin meinte gleich: Bulimie. Ich zeigte ihr einen Vogel. Ich und Bulimie! Das kann nicht sein. Für mich war das nicht krank, ab und zu mal kotzen. Heute bin ich eines Besseren belehrt!
Ein halbes Jahr später war ich im Krankenhaus, weil mir der Blinddarm rausgenommen wurde. Da erzählte ich das zum ersten Mal einem Arzt. Er gab mir glich die Adressen von Psychologen. Da habe ich mich aber nie gemeldet. Ich war ja nicht krank.
Kurze Zeit später fing das ganze richtig an. Ich zog in eine andere Stadt, mit meiner Familie. Von nun an kotzte ich nach jedem Essen. Ich ließ dabei Wasser laufen, da hörte es keiner. Und auch bei der Arbeit fiel das keinem auf.
Irgendwann erzählte ich das einer Arbeitskollegin. Wir hassten uns. Doch komischerweise verstanden wir uns ab diesem Zeitpunkt super. Später fing sie auch damit an. Alles meine Schuld, sie hat es sich wohl von mir abgeschaut.
Dann zogen meine Eltern in eine andere Stadt und ich wohnte mit einer Arbeitskollegin zusammen. Ich fing an drei Tage zu Hungern, dann eine Pizza, die ich wieder auskotzte, dann wieder drei Tage...
Vier Wochen später besuchte ich meine Eltern. Sie wunderten sich, wie viel ich abgenommen hatte, und ich musste mich zum Essen zwingen. Mir war nach dem kleinsten Bissen schlecht, mein Magen drückte und kniff. Ich hätte den ganzen Tag heulen können. Aber meine Eltern sollten ja nicht merken, was los ist, also beherrschte ich mich, und zwang mich immer weiter zu essen. So blieb mir wieder nur das Kotzen. Aber ich bin froh, dass ich wieder zu essen anfing, denn sonst wäre ich bestimmt in die Magersucht gerutscht.
Die Arbeit im Hotel machte mir keinen Spaß mehr, ich war ständig gereizt, nervös, schmiss etwas runter oder vergaß Sachen die man mir sagte. Ich konnte mich kaum noch konzentrieren, war ständig krank geschrieben, habe es nicht mehr ausgehalten.
Erst zwei Jahre später begriff ich, dass etwas nicht stimmt. Mittlerweile habe ich den ganzen Tag nur noch gefressen, gekotzt und gearbeitet. Da mir das dann nicht reichte nahm ich noch Abführmittel und verletzte mich manchmal selber, wenn ich alles nicht mehr aushielt. Ich habe mich von allen abgekapselt, wollte ständig meine Ruhe. Ich traf mich kaum mit anderen, zog mich schließlich komplett zurück. Ich habe versucht aufzuhören. Nicht mehr zu kotzen. Ich war davon überzeugt, dass ich das kann, aber ich schaffte es nicht mal einen Tag ohne. Irgendetwas war in meinem Leben schief gelaufen. Aber ich kann doch nicht krank sein.
Ich informierte mich im Internet über Bulimie und fand ein Forum. Den Leuten da ging es genau so wie mir. Sie waren alle ganz lieb und haben mir geholfen. Ich glaube erst da habe ich eingesehen, dass ich krank bin. Fast vier Jahre habe ich dazu gebraucht.
Ich wollte so nicht weiterleben. Ich fasste meinen ganzen Mut zusammen und ging zum Arzt. Ich erklärte ihm die Situation. Er hatte nicht viel dazu zu sagen, höchstens drei Sätze. Und er nickte nur. Warum verdammt noch mal ist unsere Gesellschaft so verklemmt? Warum redet keiner offen über so was? Ich kenne so viele Leute die das haben, warum wird so was totgeschwiegen?
Der Arzt gab mir eine Überweisung ins Krankenhaus:
Psychiatrie...!


-16-

Schwester Anna kommt heute zum wecken. Sie ist zum Glück nicht so ein Trampeltier wie die anderen, und so wache ich heute nicht mit einem halben Herzinfarkt auf.
Ich fühle mich gut.
Schwester Bea reißt gleich die Vorhänge auf, die ich beim Waschen wieder zuziehe, und Sabbel zieht sie wieder auf und... Aber das macht alles nichts, ich fühle mich super!
Zum Frühstück esse ich ein Brötchen, schmiere mir zur Reserve eine Scheibe Weißbrot mit Pflaumenmus. Mmh, lecker!
Um 8.15h ist Gruppengespräch. Weil das Frühstück zu spät war, kommen wir auch da zu spät, aber nicht mal das kann mir die Laune verderben. Nicht mir!
Ich erzähle von meinem Samstag, dass es schön war Kyra und Mama zu sehen, und von meinem besch... Sonntag. Der Doc setzt das Medikament etwas runter, weil ich so müde war. Gut, dann stopfen die mich wenigstens nicht ganz so voll mit den Drogen! Zum Glück weiß er nicht, dass ich die Tablette heute morgen unauffällig unter die Zunge geschoben habe, und nur das Wasser in mir verschwand! Die Tablette trage ich aber fein in meiner Hosentasche... Ich brauche diese Drogen jetzt nicht! Ich habe ja gesehen, wie es mir gestern ging, da haben die auch nicht geholfen!
Nach der Stunde esse ich mein Weißbrot. Komisch, heute ist das wieder wie Samstag. Ich bin satt, es war lecker und ich bin nicht voll!
Entspannung: Es ist super! Das kann ja richtig Spaß machen! Und als ich da raus bin fühle ich mich wirklich entspannt! Also noch besser als vorher!
Mittagessen: Ich esse etwas Reis, Geschnetzeltes, und als ich satt bin lasse ich den Salat stehen. “Ähm, hallo, seit wann lässt DU Salat stehen???“ Eigentlich mag ich so gerne Salat, aber jetzt bin ich satt und möchte ihn stehen lassen. Ich kann mir das ja selber nicht erklären! Aber es fühlt sich so gut an. Auch als ich die Nachspeise esse. Sie ist mir einfach lieber als Salat! Aber nun bin ich wirklich satt!
Der Speisesaal ist fast leer, da kommt Diether, er ist etwas bekloppt. Aber das sind wir ja alle hier. Der eine mehr, der andere weniger. Ich wünsche ihm einen guten Appetit. Er bedankt sich. Später kommt er wieder, schenkt mir eine Schachtel Zigaretten, für meinen Vater. Komischer Kerl! Irgendwie unheimlich! Aber auch das kann meine gute Laune nicht ändern!
Um 12.45h bekomme ich Physiotherapie, Körperwahrnehmung. Ich bekomme das in einer Einzelstunde. Ich rolle mir mit einem Igelball über alle möglichen Körperteile. Ist echt lustig!
Um 13.30h ist Ergotherapie. Unsere Gruppe muss jeden Montag ein Bild malen, was dann die Woche über ausgewertet wird. Das Thema heute ist: Wie bekomme ich positive Gedanken?
Gut, das fällt mir heute bestimmt nicht schwer!
Ich male eine Sonne, Vögel, die vor Wolken fliegen, Wasser, ein Fahrrad, ein Kaninchen, Blumen, Bäume, Noten...
- Vögel und Wolken beobachten, sich Geschichten zu den Wolkenformen ausdenken
- nach draußen gehen, sich sonnen und spazieren
- Musik hören und singen
- Gedichte schreiben und Bücher lesen
- ans Wasser gehen und de Wasser zuhören/schauen
- Fahrrad fahren und Sport treiben
- Blumen anschauen
- Tiere beobachten/mit Tieren spielen
So viel fällt mir ein an so einem tollen Tag!
Zum Kaffee esse ich sechs Butterkekse, ein Stück Kuchen und ein Hanuta. Lecker! Und ich habe noch nicht einmal das Gefühl kotzen zu müssen!
„Sie möchten wieder Ihre Spezialmischung trinken?“ fragt Schwester Daniela.
„Muss doch mir schmecken, oder?“ entfährt es mir. Uups, das wollte ich eigentlich nicht, aber egal, sowieso schon zu spät. Sie sagt auch nichts dazu, aber das Gesicht sagt alles!
Später gehe ich mit Britta raus. Sie ist total lieb, und die erste von den Patienten, die auch mich mal reden lässt, und mir fragen stellt. Mit ihr kann ich ganz gut quatschen.
Zum Abendbrot esse ich fast zwei Scheiben Brot, schmeckt, aber Hunger habe ich nicht wirklich. Andreas und ich formen aus seinem Brot ein Gesicht. Augen, Nase und Mund werden ausgeschnitten, Gurken auf die Augen und in die Nase, im Mund eine Zigarette, eine Brille aus Butter, Arme, Beine und Ohren aus Salat, sieht echt klasse aus. Fast der ganze Speisesaal lacht mit uns. Schade dass wir keinen Fotoapparat haben! Ich bin einfach nur gut drauf! Und ich glaube kaum, dass mir diese Laune noch jemand verderben kann, oder etwa doch? Klar, Struller-Elli, also ich meine Sabbel (wir nennen sie manchmal so, weil sie öfter ins Bett macht...). Ausgerechnet die verdirbt mir den ganzen Tag! Ich glaub´s nicht! Da regt sie sich doch tatsächlich auf, weil Andreas an der Zimmertür geklopft hat! Und nun rege ich mich total auf. Die beschwert sich gleich bei den Schwestern! Eigentlich wollte ich mich ja noch etwas ausruhen, aber auf mein Zimmer habe ich jetzt keinen Bock mehr. Britta möchte mit mir raus gehen, aber ich sage ihr dass mir die Lust darauf vergangen ist. Dann schließe ich mich auf dem Klo ein, aber eigentlich möchte ich das gar nicht. Ich gehe lieber raus, laufen. Ich renne um den ganzen Block, immer und immer wieder. Ich ärgere mich, dass ich meine Rasierklinge abgegeben habe. Sie wäre jetzt das richtige! Ich muss irgendwas gegen die Aggression unternehmen. Also sammele ich Glasscherben. Nachdem ich genug davon zusammen habe rauche ich erst mal eine Zigarette, obwohl ich eigentlich überzeugter Nichtraucher bin, aber das brauche ich jetzt. Schmeckt total ekelig, aber das muss sein! Zurück auf Station meint die Schwester:
„Nehmen Sie sich das nicht so zu Herzen!“
„Ach ja, aber wenn die mich den ganzen Tag nervt, meckert und vor sich hin quatscht ist das okay, oder was?“
„Das ist Ihre Krankheit!“
„Ja, aber wenn...“
„Die Frau ist krank und deshalb stören sie fremde Leute auf dem Zimmer!“
„Alles klar!“
Ich zische ab, habe keinen Bock mehr auf diese unlogische Diskussion. Aber wenigstens habe ich mal meinen Mund auf bekommen und meine Meinung gesagt! Nur besser fühle ich mich trotzdem nicht! Und als ich die Glasscherben ausprobiere, merke ich, dass diese auch für´n Arsch sind, die bringen nicht einmal einen kleinen winzigen Schnitt in meinen Oberschenkel! Einfach zu stumpf! Alles für´n Arsch! Die ganze Krankheit ist für´n Arsch!
Nachdem ich dann doch gekotzt habe, fällt mir mein Rasierer für die Beine ein. Den kann ich doch versuchen zu präparieren, irgendwie bekomme ich die Klinge da schon raus! Ich entferne das Metall am Rand, breche das Plastik durch, Klebestreifen zur Seite und die Klinge etwas hoch biegen. Perfekt. Vielleicht bin ich doch ein kleines Genie! Das war ein perfekter Einfall. Ganz so blöd und hilflos bin ich nicht! Das ist endlich wieder ein Triumph für mich! Das Blut läuft und tropft auf den Boden. Es tut gut, etwas zu spüren. Ich lebe! Mein Körper zeigt mir, dass noch Leben vorhanden ist! Nachdem ich alles beseitigt habe, gehe ich zu Britta. Wir quatschen ein Wenig, und uns kommt in den Sinn, dass ich fragen könnte, ob ich das Zimmer wechseln kann. Bei Britta und Katharina ist noch ein Bett frei. Und ich verstehe mich ja gut mit den beiden. Ja, genau das werde ich machen. Zwischendurch kommt die Schwester und fragt im vorbeigehen, ob ich mich schon beruhigt habe. Mir ist das zu blöd, ich antworte nicht.
Ich rege mich nur noch mehr auf. Ich bekomme Heißhunger und hole mir Obst von meinem Zimmer, möchte raus, mir später noch mehr zum fressen holen. Schwester Daniela steht an der Tür.
„Na, sind wir ein Wenig sauer?“
„“Sauer? Das hat doch mit Ihnen nichts zu tun!“
Sie gibt mir zu verstehen, dass ich den falschen Tonfall habe und ziemlich schroff bin.
„Wir müssen hier auch einiges wegstecken...!“
Ach so, das hätte ich ja nie gedacht! Ist ja auch total unüblich, dass man auf einer Psychostation was wegstecken muss, und die Patienten mal etwas oder auch etwas mehr durchdrehen! Die kann einem ja richtig leid tun! Was soll das? Sie hat sich das doch so ausgesucht! Man hat sie bestimmt nicht gezwungen hier zu arbeiten! Darüber muss man sich doch vorher im klaren sein! Und wenn sie nicht einstecken kann, dann ist sie hier falsch! Das ist sowieso komisch. Auf der Psychostation haben die Schwestern noch nicht einmal eine Psycho-Ausbildung. Gerade hier, wo so viele total verrückte rumrennen. Wenn das mal Ernst wird, ich weiß ja nicht. Wie sollen solche Normalos uns Psychos schon verstehen? Ist es eigentlich schon so weit mit mir, dass ich ein Psycho bin? Wahrscheinlich! Wenn ich schon mit Essen an der Tür stehe und fragen muss, ob ich überhaupt raus darf... Ich rede noch etwas mit der Schwester, gebe ihr mein Essen und verdufte auf mein Zimmer. Super, sogar das hat sie mir versaut! Was für ein Sch...-Tag! Dabei fing er so gut an! Um auf andere Gedanken zu kommen, und nicht ständig Sabbel vor der Nase haben zu müssen, gehe ich zu Britta, quatschen. Das tut gut!
Als ich später im Bett liege denke ich lange nach, und bin etwas traurig, dass ich ´meine´ Schwester Daniela so angefahren habe, wo ich sie doch so gerne mag!


-17-

Als ich aus dem Gruppengespräch komme ist die Stimmung gedrückt. Das Thema ´positive Gedanken´ wendet sich zum Thema ´negative Gedanken´, und meine Gedanken schweifen hin und her. Erst ging es mir recht gut, aber nach der Gruppenstunde kommen wir alle mit einem schlechten Gefühl raus. Aber egal, zumindest konnte ich heute etwas zum Thema sagen, und die Gruppenstunde hat auch mir mal etwas gebracht.
Später kommen Mama, Kyra und sogar Wolfgang. Kyra und Wolfgang streiten sich, aber mir macht das nichts aus. Wir sitzen in der Cafeteria, und quatschen. Dann fahren wir noch etwas einkaufen. Ich bekomme eine neue Hose und Pflaumenmus, dass ich mal genug Belag für meine Brote habe, und nicht diese ekelige Marmelade essen muss.
Heute ist der letzte Tag von Andreas. Morgen fährt er. Seine stationäre Therapie ist zuende. Abends machen wir noch mal eine Fratze aus Brot, Käse, Krautsalat und Banane. Und die Zigarette natürlich! Andreas stellt es den Schwestern hin. Schwester Anna schaut böse und schiebt es in den Essenwagen. Spaßverderber! Da bekomme ich natürlich gleich ein schlechtes Gewissen. Andreas fragt gleich nach:
„War das Kunstwerk etwa schlecht?“
„Miserabel!“
Oh, die ist wirklich sauer! Dabei hatten wir eben noch einen riesigen Spaß, und alle haben wieder mitgelacht. So´n Mist! Sind die langweilig hier, verstehen keinen Spaß! Und jetzt sitzen Andreas und ich draußen und fragen uns ob das, was wir gemacht haben, falsch war. Jetzt schauen auch noch andauernd die Schwestern aus dem Fenster. Wir bekommen echt einen Verfolgungswahn. Einer fühlt sich schuldiger als der andere. Aber später erfahren wir, dass sie nach jemandem gesucht haben. Gut, da sind wir wenigstens etwas erleichtert!
Als ich hoch gehe, bekomme ich totale Bauchschmerzen. Shit, was ist das denn nun wieder? Bei der Tablettenausgabe frage ich nach einer Wärmflasche, mir geht´s echt mies. Und nun bekomme ich auch noch Durchfall. Scheiße, im wahrsten Sinne des Wortes! Aber vielleicht kommt das ja auch vom Eis mit Sahne. Ich habe das nämlich heute gegessen, und man glaubt es kaum, NICHT ausgekotzt! Da bin ich gleich wieder stolz auf mich! Wenigstens etwas stolz! Nach über einer Stunde habe ich die Wärmflasche immer noch nicht. Schwester Daniela hat es wohl vergessen... Als Schwester Anna vorbei kommt, frage ich sie noch mal nach der Wärmflasche. Kurz drauf kommt Schwester Daniela und bringt sie mir. Sie entschuldigt sich ganz lieb. Man, die ist echt niedlich! Wenn die mal nicht immer so böse gucken würde... Na ja, sie ist hier Krankenschwester, und steht bestimmt nicht auf Frauen, und selbst wenn, dann garantiert nicht auf Psychos, und schon mal gar nicht auf so jemanden wie mich...
Aber ich mag sie trotzdem gerne, still und heimlich, für mich!

-18-

Als ich aufwache, plagen mich immer noch Bauchschmerzen. Es ist 4.00h in der Nacht. Ich hole mir noch eine Wärmflasche und lege mich wieder hin.
Als morgens die Schwestern zum wecken kommen, schaffe ich es kaum aus dem Bett. Ich bin müde und mir tut alles weh. Ich schleppe mich zum Waschbecken, schaffe es irgendwie mich etwas frisch zu machen, und lege mich wieder hin. Schwester Judith kommt und bittet mich zum wiegen: 55,6kg. Zugenommen! Scheiße, wiege wieder mehr! So´n Mist! Und jetzt muss ich auch die ganze Palette an Therapien wieder mitmachen. Aber ich darf wieder uneingeschränkt raus, Sport machen... Außerdem will ich ja auch gesund werden!
Nachdem ich gewogen und angezogen bin, lege ich mich wieder ins Bett. Ich möchte schlafen, bin k.o.
„Frau Raukuttis, Frühstück!“
„Ich habe Bauchschmerzen und mir ist schlecht!“
„Aber trotzdem müssen Sie frühstücken!“
Also okay, stehe ich halt auf. Ich hole mein Frühstück, verschenke Brötchen und Belag, und bin innerhalb von einer Minute mit dem Kamillentee wieder in meinem Zimmer verschwunden. Soviel also zum Thema ´Sie müssen frühstücken´! Ich muss gar nichts!
Später schaut der Doc nach mir. Wenn es mir nicht gut geht, muss ich nicht an den Therapien teilnehmen, ich darf im Bett bleiben. Zum Glück verschreibt er mir nicht noch mehr Medikamente. Obwohl, den Durchfall wäre ich trotzdem gerne los!
Zum Gruppengespräch gehe ich. Ich bin zu feige um einfach weg zu bleiben. Allerdings kann ich nur hoffen, dass ich nicht zwischendurch auf die Toilette rennen muss.
Die Stunde ist komisch, irgendwie kann ich da nichts draus lernen. Aber vielleicht liegt das auch daran, dass ich mich nicht großartig konzentrieren kann.
Bei der Ergotherapie fasse ich dann meinen ganzen Mut zusammen und erkläre, dass es mir nicht gut geht, ich lieber ins Bett gehen würde. Das darf ich dann auch. War gar nicht so schlimm. Und ich ruhe mich aus. Das tut gut. Zum Mittagessen gehe ich dann auch, habe nämlich langsam doch Hunger. Komischerweise geht es mir nach dem Essen besser. Allerdings bin ich traurig, weil Andreas ja heute fährt. Wir hatten so viel Spaß zusammen, und nun muss er weg! Aber vorher wollen wir noch etwas zusammen reden. Dabei gehen wir einkaufen und ich plane meinen nächsten Fressanfall sorgfältig. Nüsse, Kekse, Salzstangen, Schokolade,... Eigentlich wollte ich ja nicht mehr kotzen, aber besondere Umstände erfordern nun mal besondere Maßnahmen!
Auch zum Kaffee ist Andreas noch da. Ich fange an Kekse in mich hinein zu stopfen. Mmh, lecker! Andreas Abschied naht. Ich bin voll, möchte nicht kotzen, aber es geht nicht, ich muss einfach! Ich halte es nicht aus! Dieser ständige Druck!
Zum Abend, Andreas ist immer noch da, schmeißen sie ihn raus. Einfach weg mit ihm! Was soll das? Als ob nicht genug Abendessen für ihn da wäre! Er hat ja selber gar keine Lust zu fahren.
Später treffen wir uns noch draußen. Wir quatschen lange zusammen. Aber irgendwann muss ich hoch und er fährt. Das kann nicht sein, jetzt ist er weg. Ich verkrieche mich unter meiner Bettdecke, heule, heule und heule. Als ich dann noch eine Nachricht von ihm auf meinem Handy bekomme, laufen alle Bilder an mir vorbei. Alles was ich mit ihm erlebt habe. Ich falle in ein tiefes schwarzes Loch. Mit wem soll ich denn nun quatschen, rumarschen...? Nun hole ich mein Essen hervor, fresse, schnappe mir meinen präparierten Rasierer, gehe auf Toilette. Es ist alles so Sinnlos. Ich kotze, schneide mir wieder in die Oberschenkel. Das Blut tropft auf den Boden. Mir ist das alles egal. Alles Sinnlos. Irgendwann fasse ich wieder klare Gedanken. Ich nehme meinen ganzen Mut zusammen, und möchte zu den Schwestern, reden. Ich will nicht wieder fressen und kotzen! Aber die Schwestern haben einen Notfall. Mist! Und nun? Da kann man wohl nichts machen. Dann muss ich da jetzt alleine durch! Also fresse ich wieder...
Als ich später nicht einschlafen kann, hole ich mir eine Schlaftablette. Aber kurze Zeit später werde ich wieder wach, fresse und fresse und fresse, denke nach und kotze. Scheiß Tag und scheiß Nacht!

-19-

Ich bin noch so müde, komme nicht aus dem Bett, fühle mich total beschissen! Am Liebsten würde ich gleich wieder fressen, kotzen und ritzen, aber sogar dafür bin ich zu kraftlos. Was ist nur los mit mir? Ich schleppe mich zum Frühstück, esse kaum etwas, und verschwinde wieder in meinem Zimmer. Heute ist Gruppenvisite bei der Oberärztin. Ich erzähle, dass es mir nicht so gut geht, ich mich müde fühle und depressiv. Sie steigert meine Medikamentendosis. Ich will aber nicht noch mehr Drogen. Aber auch egal, vielleicht bekomme ich dann ja nicht mehr mit, wie bekloppt ich wirklich bin.
Später habe ich einen Termin bei der Psychologin. Sie ist eigentlich ganz nett, aber es tut so weh, ihr etwas zu erzählen, was ich sonst für mich behalte. Sie ist fremd. Und jemand Fremden kann ich doch nicht so viel erzählen! Sie möchte, dass ich meine Rasierklingen und mein Essen abgebe. Sonst sollte ich mir Gedanken machen, ob ich die Therapie überhaupt möchte. Klar möchte ich die Therapie, und gesund werden, aber dieser unheimliche Druck, der in mir steckt, was mache ich mit dem? Den kann ich nicht einfach so ertragen. Sie hat sich das Geritzte angeschaut, und meint das muss wenigstens desinfiziert werden. Das ganze Gespräch wühlt mich total auf, so dass ich heulend zur Ergotherapie gehe. Ich weiß nichts mit mir anzufangen, fühle mich mies, komisch, so wie ein Kleinkind, dass Angst vor etwas hat. Ich werde aus meinen eigenen Gedanken nicht schlau. Ein paar mal werde ich schräg angeschaut, bis mich die Therapeutin mitnimmt zum Kuchen backen. Auch das noch, Kuchen backen! Das kann ja wohl nicht sein! Gerade ich, wo ich jetzt so einen Druck habe, soll zum Kuchen backen? Ich stehe fast die ganze Zeit teilnahmslos daneben, schaue was die anderen machen, reiche hier und da mal etwas weiter und wasche ab. Ich bin total froh, als das endlich vorbei ist, und ich unter Tränen zurück auf mein Zimmer laufe. Erst da beruhige ich mich ein Wenig.
Zum Mittag esse ich kaum. Ich fühle mich immer noch leer, stochere mit meiner Gabel im Essen rum. Ich kriege einfach nichts runter.
Danach gehe ich mit Britta raus. Wir quatschen, aber die meiste Zeit rede ich. Sie versucht mir tröstende Worte zuzusprechen, aber ich weine schon wieder, fühle mich wieder wie dieses hilflose Kleinkind.
Als ich mich endlich wieder beruhigt habe gehe ich hoch. Oben kommt gleich die Schwester zu mir.
„Wir müssen uns gleich noch die Wunden anschauen!“
Ich nicke nur. Mir ist das alles total peinlich. Ich fühle mich verraten, möchte das nicht. Aber wie immer versuche ich das zu überspielen.
„Das ist in letzter Zeit auch häufiger, hm?!“
„Ja!“
„Und das andere überlegen Sie sich noch?“
„Eigentlich habe ich mich schon entschieden!“
„Und?“
„Na ja, eigentlich...“
„Es gibt ja nur zwei Möglichkeiten! Entweder ja, oder nein!“
„Ich werd´s tun!“
„Ähm, abgeben...?“
„Ja!“
Sie ist fertig, und ich muss zur Bewegungstherapie. Erst da kann ich mich etwas ablenken. Macht doch meistens Spaß!
Danach ist es soweit. Ich gebe mein Essen ab, nur die Nüsse behalte ich noch. Es ist total komisch, jetzt fühle ich mich denen gegenüber ausgeliefert! Dafür esse ich nachmittags ein Eis mit Sahne. Aber ich kotze es nicht aus, ich bin brav und behalte es bei mir. Dann kommt Andreas. Es geht mir wieder besser. Er wollte uns unbedingt heute gleich besuchen kommen. Er ist jetzt in der Tagesklinik. Er erzählt davon, und sagt dass er uns vermisst. Als er geht bin ich traurig.
Zum Abendbrot esse ich dann drei Scheiben Brot, hole sie gleich wieder raus. Der Tag war einfach zu anstrengend. Ich hasse mich wieder selber dafür. Ein großes Eis konnte ich bei mir behalten, und an drei Scheiben Brot scheitert es dann. Wie dumm von mir! Irgendwann lege ich mich ins Bett, maile mit Saskia. Sie baut mich wieder auf, oder vielleicht hilft sie mir auch meine Gefühle zu verbergen, aber alles besser als sich dumm und nutzlos zu fühlen! Später maile ich noch mit einer anderen Freundin. Sie glaubt mir nicht, dass ich Bulimie habe. Man, ich bin ja ein Versteckungskünstler! Wenn die nichts gemerkt hat!
Um 22h möchte mir Schwester Daniela eine Schlaftablette andrehen, aber ich will nicht, was soll ich damit? Ich habe gestern und vorgestern schon eine genommen! Scheiß Chemie!
Ich bekomme irgendwann ein schlechtes Gewissen, dass ich nur die Hälfte abgegeben habe. Ich nehme die Nüsse und die Rasierklinge und gehe zum Schwesternzimmer.
„Schwester Daniela, kann ich Ihnen etwas geben, damit ich ruhig schlafen kann?“
„Na klar!“
Ich drücke ihr die Sachen in die Hand.
„Haben Sie noch mehr Rasierklingen?“
„Nein!“
„Wirklich nicht?“
„Nein, ehrlich!“
„Wenn Sie nicht schlafen können, dann kommen Sie doch noch einen Moment rein!“
Ich gehe ins Schwesternzimmer, und wir fangen an zu quatschen. Zum Glück, ich bin endlich abgelenkt! Und das auch noch von meiner Lieblingsschwester! Es tut gut, wir reden über mich, aber auch etwas über sie. Ich trau mich kaum etwas zu fragen, mag ihr ja nicht zu nahe treten!
„Darf ich Sie mal etwas fragen?“
„Na klar!“
„Sie gucken immer so böse, warum?“
„Ich gucke nicht böse, ich gucke ganz normal!“
„Aber das sieht immer so aus, als ob Sie total sauer auf jemanden sind!“
„Das ist meine Natur! Ich schaue immer so, meine das aber nicht böse!“
„Gut, dann bin ich ja beruhigt!“
Wir kommen von einem Thema auf das nächste und reden über Gott und die Welt. Dann quetsche ich sie noch etwas über ihren Beruf aus, wollte ja schließlich auch mal Krankenschwester werden! Das Gespräch ist echt super und ziemlich lange, aber als ich im Bett liege mache ich mir wieder Gedanken, ob ich die Schwester nicht gelangweilt habe. Ob sie vielleicht nur mit mir geredet hat, weil sie das als ihre Pflicht sah. Aber sie hätte mich ja nicht reinbitten brauchen, oder hätte mich zwischendurch ins Bett schicken können. Ich glaube ich mache mir einfach zu viele Gedanken über alles! Ich schlafe diese Nacht nur eine Stunde. Ständig steht Schwester Daniela am Bett und schaut ob ich schlafe.









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Als die Schwestern reinkommen, bin ich schon längst wach und habe mein Bett abgezogen. Ich bekomme neue Bettwäsche. Allerdings muss ich mir erst den Mund fusselig reden, bis ich mein Bett alleine beziehen darf. Hallo, bin ich arm- und beinkrank? Nein, ich bin kopfkrank, und den muss ich zum Betten beziehen zum Glück kaum benutzen!
Im Gruppengespräch fängt heute mal meine Leidensgenossin Katharina an. Sie redet über die Bulimie, erzählt der ganzen Runde etwas, stellt mir fragen. Supi! Bei dem Thema kann ich gut mitreden! Ich erzähle, wie´s mir mit dem Essen und der unstillbaren Gier geht. Ich möchte mich mehr unter Kontrolle bringen, was das Essen betrifft. Die Stunde ist echt genial! Ich kann mich so erleichtern! Zum Schluss möchte die Psychologin hören, wie es jedem Einzelnen in dieser Woche ergangen ist. Ich erzähle von einer turbulenten Woche, und dass ich das Gefühl habe, einen Schritt zurück gemacht zu haben. Genau das ist nämlich der Punkt! Mir geht es mittlerweile schlechter als vor der Therapie, denke ich. Mittlerweile ritze ich häufiger und bin überhaupt nicht mehr mit mir zufrieden. Dabei ging es mir doch zwischendurch schon besser!
Bei der Ergotherapie soll ich mitkommen und Blumen gießen. Haha! Gerade ich, wo ich nicht mal eine Pflanze in meiner Wohnung habe! Deshalb fülle ich nur die Kanne mit Wasser, den Rest macht dann doch jemand anderes!
Und bei der Freizeitgestaltung machen wir dann etwas ganz Besonderes! Wir gehen in den Zoo, um wie die Bekloppten vor den Käfigen zu stehen und zu starren! Ach so, jetzt fällt´s mir wieder ein, wir sind ja bekloppt! Ich glaube, die Tabletten wirken! Aber wenigstens sind heute Britta und Katharina mit dabei! Katharina kommt auf die verrücktesten Ideen! Sie fährt mit der Wasserbahn und freut sich darüber wie ein kleines Kind! Ich wäre auch gerne gefahren, aber ich bin zu feige, habe Angst, dass mich jemand auslacht! Dann überquert sie einen kleinen Teich mit dem Floß. Beinahe wäre sie reingefallen, ist zum Glück noch mal gut gegangen! Nun baut sie sich eine Peitsche aus Gras, damit verprügelt sie einen Mitpatienten. Der hat sich in sie verliebt. Katharina möchte den aber loswerden, und sagt, dass sie auf SM steht. Zum Schluss fährt sie dann noch mit dem Kinderautoskooter.Aber wenigstens hatten wir was zum Lachen, sonst wäre ich im Zoo eingegangen!
Nachmittags kommt Andreas wieder. Langsam wird mir das etwas zu viel. Ich meine, er ist ja ganz nett, aber:

Was soll der schon an jemanden wie mich finden, außerdem empfinde ich nur Freundschaft!
Dementsprechend bin ich nicht bereit, sein Gefühlschaos zu ertragen, wo ich doch ehr auf Frauen stehe!
Er quatscht doch sehr viel über sich, lässt mich kaum zu Wort kommen
Ich brauche endlich mal wieder Zeit für mich!

Na ja, da kann ich nichts machen. Wir quatschen bis um 17h. Andy umarmt mich. Das nervt langsam! Ich kann seine Berührungen nicht mehr ab, finde sie ekelig und bin froh, als ich mich endlich gelöst habe. Das kann doch alles nicht sein! Ich kann die Nacht wieder kaum schlafen, aber wenigstens habe ich heute nicht gekotzt und darf wieder etwas stolz sein! Oder?
Ich weiß auch nicht mehr, was ich denken soll!

















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Ich komme kaum aus dem Bett, habe keine Lust aufzustehen. Und dann ist heute noch DER Tag. Ich darf für fünf Stunden aus der Klinik, nach Hause. Nach dem Mittagessen darf ich los, bis kurz vor dem Abendessen.
Ich frühstücke fleißig und gehe dann gleich wieder schlafen. Ich schaffe das nicht! Ich habe Angst wieder nach Hause zu fahren! Da, wo ich fast nichts anderes gemacht habe als fressen und kotzen. Nach dem Mittag gehe ich runter. Mama und Kyra kommen fast 30 Minuten zu spät. Die Kleine musste noch zum Arzt, schwere Mandelentzündung. Zu erst fahren wir in die Stadt. Eigentlich finde ich das ganz gut, weil ich dann nicht so lange alleine in meinem Bungalow hocken muss. Aber als wir in der Stadt sind ist alles ganz anders. Überall sind irgendwelche Essensstände aufgebaut. Und gerade wo ich heute Mittag nicht gegessen habe. Ich mochte den Eintopf nicht! Klar, die Stände waren vorher auch schon da, aber ich habe sie nie wahr genommen, nicht so wie heute, wo ich nicht kotzen darf oder möchte. Gut, ich beschränke mich auf zwei Kugeln Eis. Das muss reichen. Hätte ich vorher gewusst dass die so groß sind, hätte ich nur eine genommen, aber egal, esse ich halt langsam! Mmh, lecker! Selten habe ich in den letzten Jahren Eis so langsam gegessen und versucht den Geschmack wahrzunehmen! Überhaupt die Geschmacksrichtung war eigentlich egal, Hauptsache essen. Eis kann ja richtig gut schmecken!
Später gehen wir essen. Fast Food. Ich habe Angst, dass ich das nicht schaffe, dass alles nach hinten losgeht. Kyra und ich teilen uns einen Kinderteller. Das ist genug von diesem fettigen Zeug! Alles aus der Friteuse. Panik! Wie soll ich das essen und in mir behalten? Nur nicht dran denken! Zur Ablenkung nehme ich mir meine kleine Schwester mit nach Hause. Sie schaut fern, würde aber bestimmt merken, wenn ich kotzen gehe. Aber kurz denke ich trotzdem drüber nach. Mama hat zwei Stück Kuchen für die Kleine und mich gekauft. Die könnte ich doch essen, und dann noch ein paar Nudeln kochen, und Pudding, und... Nein, ich darf nicht. Außerdem habe ich dafür keine Zeit! Ich schaue mir kurz meine E-Mails an, schreibe eine Nachricht ins Bulimie-Forum, packe neue Sachen ein, kümmere mich um die Tiere und gehe baden. Puh, das war ganz schön knapp, gerade mal zwei Stunden hatte ich für alles Zeit. Als ich aus der Wanne aussteige, kommt Mama schon. Schnell packe ich den Rest und wir können wieder los. Das war total anstrengend! So gezwungen! Ich meine Einkaufen und die Tiere war okay, aber der Rest war für´n Arsch! Mist!
Zehn Minuten bevor es Essen gibt, bin ich wieder in der Klinik. Nach dem Essen packe ich die Sachen aus, verziere meinen Nachttisch und die Fensterbank mit Fotos und kleinen anderen Dingen. Im nächsten Moment zweifele ich schon wieder daran, ob das alles richtig war, vielleicht meckern die Schwestern ja darüber, dass das viel zu voll hier ist. Aber ich möchte mich wenigstens etwas wohler hier fühlen! Also lasse ich alles stehen! Ich lese etwas und schlafe ein. Schweißgebadet werde ich ab und zu wach. Scheiß Alpträume! Einmal träume ich von meinem Chef. Er stand auf ein Mal an meinem Bett, war gleichzeitig Klinikdirektor und schrie mich an. Er meinte, ich gebe mir gar keine Mühe bei der Therapie, ich wäre da genau so ein Versager wie beim Arbeiten. Ich müsste längst gesund sein und sollte mich nicht so anstellen, schließlich bin ich ja nicht wirklich krank. Vielleicht ist das ja richtig so. Ich gebe mir gar keine Mühe, und eigentlich bin ich noch nicht mal richtig krank, oder?
Ein anderes Mal sitze ich mit einer unbekannten Person im Auto. Wir fahren auf einen Baum zu. Bei dem Aufprall werde ich wach.
Im nächsten Traum sitze ich wieder im Auto, mit einer Freundin. Es ist Winter, Glatteis. Ich schreie, dass man bei dem Wetter nicht 180km/h fährt, aber sie hält nicht an. Ich weine und flehe, aber sie möchte uns umbringen. Ich habe Angst, der Wagen kommt von der Strasse ab, schleudert, ich werde wieder wach.
In anderen Träumen werde ich verfolgt, entführt und jemand will mich töten. Scheiß Nacht, wann kommt der Tag wieder? Ich kann die Träume nicht abstellen, und habe Angst wieder einzuschlafen. Mein Herz rast, ich kann nicht mehr. Ich möchte doch nur mal ruhig durchschlafen. Aber es geht ja doch nicht. Leider. Meine Zimmernachbarin, Dana, ist auch noch wach. Wir setzen uns auf den Flur und essen jeder einen Apfel.
Später gehe ich wieder zu Schwester Daniela, frage ob ich zu ihr kommen darf. Da sitze ich nun im Schwesternzimmer und werde abgelenkt.
Danach verkrieche ich mich wieder auf den Flur, mit meinem holländischen Buch und dem passenden Wörterbuch, dass ich auch alles verstehe. Plötzlich fällt etwas aus dem Buch. Was ist das? Uups, eine Rasierklinge. Ich wusste nicht dass ich noch eine habe. Hätte ich das mal früher gewusst...! Die ist noch von Zuhause. Aber ich fasse wieder klare Gedanken und weiß dass sie weg muss, zu meiner Sicherheit. Also nehme ich meinen Mut wieder mal zusammen und gehe noch Mal zur Schwester. Sie denkt natürlich, dass ich geritzt habe oder es noch will. Habe und will ich aber zum Glück nicht. Nun gehe ich lieber ins Bett, war doch eine peinliche Aktion!










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Nachdem ich die Nacht kaum geschlafen habe, komme ich wieder nicht aus dem Bett. Und dann fällt mir auch noch ein, dass Andreas heute kommt. Mist! Ich habe Angst, gar keine Lust darauf. Das wird mir alles zu viel! Ich weiß nicht, ob ich ihn überhaupt sehen möchte. Aber absagen mag ich auch nicht. Er wäre sicher enttäuscht. Nach zwei Brötchen, Kaffe und Kakao gehe ich erst mal kotzen. Ich halt´s nicht aus. Bin ich eigentlich nur blöd? Jetzt habe ich schon wieder gekotzt. Dabei wollte ich gar nicht. Na, da fängt der Tag ja schon super an!
Also lege ich mich lieber wieder hin, schlafen, und noch nicht mal das ist gut. Nach einem Alptraum werde ich gleich wieder wach. Schlafen ist wohl auch für´n Arsch!
Mittagessen: Ich mag eigentlich nicht, aber etwas muss ich ja essen. Danach gehe ich aufs Klo, allerdings nur pinkeln. Ich bin total verwirrt und habe schon die Türklinke vom Männerklo in der Hand, als mir auffällt, dass ich falsch bin. Ich fühle mich total Matsch im Kopf. Als ich wieder zurück bin spricht Schwester Anna mich an:
„Frau Raukuttis, haben Sie wieder gespuckt?“
„Nein, jetzt nicht!“ Na toll, dann habe ich mich ja gleich selber verraten!
„Aber heute morgen?“
„Ja.“
Dann verschwinde ich auf meinem Zimmer. Ist doch alles Scheiße. Wie soll ich das alles packen? Also schlafe ich lieber noch eine Runde, auch wenn ich nur Mist träume, ich fühle mich k.o.
Zum Kaffee hole ich mir das Stück Kuchen, dass ich gestern bei den Schwestern abgegeben habe. Mohnkuchen. Eigentlich mag ich keinen Mohn, aber seit dem ich hier bin entwickele ich wohl total neue Vorlieben! Mmh, lecker ist das! Und dann kommt schon Andreas. Er bringt mir zwei Brötchen mit, die essen wir trocken und schauen uns dabei Fotos an, reden, gehen spazieren. Ist alles ganz okay, nicht so schlimm wie ich es mir vorgestellt hatte, aber dann nimmt er mich in den Arm.
„Komm her Grosse!“
Am Anfang ist das ganz okay, aber dann, ähm, Moment mal, ich will das nicht, ich kann das nicht und das darf nicht! Mir ist unwohl, ich bin angespannt und Druck baut sich in mir auf. Die Umarmung scheint eine Ewigkeit zu dauern. Die Bombe droht zu explodieren. Was mach ich denn jetzt? Totales Chaos in mir. Ich weiß nicht, was ich denken und fühlen soll. Eigentlich kann ich auch nicht mehr denken. Am Liebsten würde ich jetzt einfach wegrennen, ins Nichts, und nie mehr wiederkommen, niemals! Ich sage ihm, dass ich nicht weiß was los ist, aber er scheint das nicht zu verstehen. Wie komme ich da bloß wieder raus? Irgendwann löse ich mich aus seiner doch recht zärtlichen Umarmung und bin froh dass es vorbei ist. Jetzt gehe ich lieber hoch. Nur weg hier! Er bringt mich mit zur Stationstür, noch eine Umarmung, dann bin ich erlöst. Endlich wieder im sicheren Bereich! Hier kann mir nichts passieren, hier fühle ich mich sicher! Ich schmeiße mich auf mein Bett und denke nach.
Beim Abendessen verschlinge ich zwei Brötchen, Ich halte es wieder nicht aus und gehe kotzen. Zurück auf meinem Zimmer habe ich immer noch diesen Druck. Also esse ich noch zwei Brötchen, Tomate, Joghurt,... Dann wieder kotzen, kotzen, kotzen. Ich fühle mich dreckig, mies und schuldig, bin ein Versager und hasse meinen ekeligen Körper! Zwischendurch muss ich zur Tablettenausgabe. Die Tablette unter die Zunge, Wasser schlucken, kotzen gehen und die Tablette nehmen. War ja gar nicht so schwer!
Nachdem ich noch etwas mit Katharina gequatscht habe, gehe ich mir eine Schlaftablette holen, in der Hoffnung, dass ich endlich mal wieder richtig schlafen kann. Aber da habe ich mich zu früh gefreut. Wahrscheinlich hat sich mein Körper schon an die Chemie gewöhnt, so dass ich knapp eine Stunde später wieder wach bin. Ich hole mir die Nüsse bei Schwester Daniela ab und stopfe die ganze Packung in mich hinein. Hunger! Ich könnte jetzt so viele leckere Sachen essen! Aber ich habe nichts mehr. Mir wird warm und kalt, ich werde nervös, könne durchdrehen. Dieses Gefühl ist kaum auszuhalten. Ich gehe kotzen. Danach kann ich nicht einschlafen. Mein schlechtes Gewissen meldet sich wieder. Also frage ich die Schwester, ob ich mit ihr reden kann. Und ich darf. Ich erzähle ihr von der Sache mit Andreas, wie das alles war, und dass mir das viel zu kompliziert ist. Am Liebsten würde ich einfach drauf losheulen, aber es geht nicht. Ich kann mich doch nicht blamieren, Eva die Heulsuse, und dann noch bei Schwester Daniela!























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6.30h, wecken. Ich bleibe bis um sieben im Bett liegen und denke lieber darüber nach, was ich denn nun mit Andreas mache. So etwas wie gestern überlebe ich nicht noch mal! Scheiß Entscheidungen!
Nach dem Frühstück spiele ich wieder das Tablettenspiel. Unter die Zunge und schön in die Hosentasche. Ich brauche die nicht! Und dann fasse ich einen Entschluss, ich schreibe Andreas eine Mail:
Guten Morgen! Ich habe mich gestern total komisch gefühlt. Ich habe viel darüber nachgedacht. Zu viel. Im Moment habe ich so vieles im Kopf, worüber ich nachdenken sollte, und ich weiß so schon nicht mehr, was ich denken und fühlen soll. Ich glaube es ist besser, wenn wir uns eine Zeit lang nicht mehr so oft sehen. Aber ich möchte dich als guten Freund nicht verlieren! Hdl!
Mehr bringe ich nicht zustande, aber das ist ja wohl auch eindeutig und sollte reichen.
Dann ist Chefarztvisite. Er macht mir gleich Mut, und sagt mir, dass ich noch etwas hier bleiben muss. Ich bin froh, denn so schnell möchte ich eigentlich gar nicht weg, nach Hause, glaube ich. Vielleicht hilft die Therapie ja doch irgendwann noch.
Der Tag verläuft sonst ganz ruhig.
Aber abends kriege ich dann einen Heulkrampf. Ich glaube ich weiß selber nicht warum. Gefühle und Gedanken kreisen durch meinen Kopf. Ich bin so müde, aber schlafen möchte ich nicht, nie wieder, scheiß Träume!
Irgendwann kommt Schwester Anna rein. Schnell versuche ich mich unter meiner Decke zu verkriechen, aber sie merkt dass ich weine. Ich versuche irgendwie was loszuwerden, aber es geht nicht so wie ich will. Ich stammele nur etwas vor mich hin. Sie versucht mich vergebens abzulenken und bringt mir dann aber doch lieber eine Stunde vorgezogen meine Tabletten. Ich schlafe ein, sehr unruhig, aber ich schlafe!

















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Wiegen, Panik! Langsam steige ich auf die Waage. Kurz überlege ich, ob ich nicht rückwärts drauf steigen soll, damit ich nichts sehe. Oder einfach die Augen zu machen, aber eigentlich brauche ich wenigstens diese Kontrolle.
55,7 kg. Puh, nicht zugenommen. Ich bin erleichtert.
Um 7.15h habe ich ein Gespräch bei der Psychologin. So früh. Ich bin noch gar nicht richtig wach. Wir reden über Berührungsängste, weil ich ihr die Geschichte von Andreas erzähle. Zur nächsten Stunde bekomme ich eine ´Hausaufgabe´:
Welche Berührungen fallen mir wann und in welcher Situation am schwersten. Was empfinde ich dabei?
In der Gruppentherapie geht es um einen Patienten mit Depressionen. Er möchte eine Familienaufstellung machen. Gleich wählt er mich als seine Frau aus. Er soll mich in die richtige Position stellen, wie seine Frau zu ihm steht. Ich soll dann jemanden umklammern. Hallo? Geht´s noch? Gerade ich soll jemanden umklammern! Das habe ich doch vor einer Stunde im Gespräch noch gesagt, ich fasse keinen an, und mich hat auch keiner anzufassen! Am Liebsten würde ich gleich rausrennen, aber das geht ja nun nicht. Ich fühle mich hilflos, aber zum Glück scheint mein Blick Bände zu sprechen. Die Psychologin disponiert das ganze um und nimmt mich als außenstehende Person. Das ist dann okay. Ich verstehe auf ein Mal auch ein paar Sachen und mir wird klar, dass ich oft das tu, was andere von mir wollen. Mich selber, meine Gedanken und Gefühle dazu beachte ich meistens nicht. Ich schiebe das bei Seite, was eigentlich mal ICH war!
Dieses Gruppengespräch war gut. Ich kann mich endlich in anderer Leute Probleme wiederfinden und für mich selber deuten. Etwas daraus lernen. Hoffentlich!
Nachmittags kommen Mama und Kyra wieder. Wir haben keine Lust schon wieder in die Cafeteria zu gehen. Deshalb entschließen wir uns zu Burger King zu fahren. Mmh, lecker Kuchen mit Eis. Mmh lecker! Dann probiere ich noch etwas von den beiden. Zum Glück verliere ich nicht die Beherrschung und stopfe alles in mich rein. Nein, ich genieße ausnahmsweise mal. Später fahren wir noch ein paar Klamotten kaufen. Wieder in der Klinik, ist es zum Glück keinem aufgefallen, dass ich weg war. Eigentlich sollen wir das Gelände ja nicht verlassen, und schon gar nicht mit dem Auto.
Das Abendessen hebe ich mir für später auf. Ich bin noch satt und möchte nichts riskieren. Dann schlafe ich ein. Als ich wach werde sind die Tabletten schon längst verteilt. Schwester Anna hat mich lieber schlafen lassen, wenn ich schon mal schlafe. Total lieb! Ich gehe also Pillen holen, verstau sie wieder, verspeise mein Essen und schlafe weiter.




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5.15h ich wache auf. Irgendetwas liegt in der Luft, ich spüre so etwas häufiger. Ich bleibe noch etwas liegen, gehe dann aber duschen.
Heute steht Oberarztvisite auf dem Programm, natürlich in der Gruppe. Als ich an der Reihe bin, sage ich, dass es mir in den letzten Tagen nicht so gut geht, erzähle von meinen Alpträumen. Zur Belohnung darf ich am Wochenende wieder fünf Stunden raus. Schönen Dank auch! Mal sehen was man so macht, aber eines weiß ich, nicht nach Hause fahren! Nicht in meinen Bungalow! Nicht schon wieder!
Als ich dann auf mein Zimmer gehe kommt mir meine ehemalige Arbeitskollegin entgegen. Wer hätte das gedacht, dass sie mal vorbeikommt? Ich kann mich sogar etwas freuen! Sie bringt mir Blumen und einen kleinen Teddy mit. Süß! Damit sie nicht gleich mitbekommt wie das hier so ist, gehen wir lieber raus. Wir reden über alltägliche Dinge, mal nicht über Krankheiten und Klapse. Durch den Besuch komme ich zu spät zur Ergotherapie, aber das ist mir egal. Die Abwechselung tat mir gut!
Zum Mittagessen gibt es mal wieder etwas, dass ich nicht mag, aber ein kleinen Wenig muss ich ja essen. Komischerweise bin ich trotzdem die Letzte. Da kommt Schwester Daniela, fragt, wie es mir geht. Ich bin ehrlich, erzähle, dass ich mich nicht gut fühle. Sie fängt an die Tische abzuwischen, also packe ich mein Essen lieber weg, hole meine Tabletten, die ich sowieso nicht nehme. Auf dem Flur sehe ich einen neuen Patienten. Ich schaue ihn an, irgendwoher kenne ich ihn, und auch er scheint mich zu kennen. Aber keiner sagt etwas. Na ja, egal! Im Zimmer fällt mir dann auf, dass ich die Blumen immer noch nicht ins Wasser gestellt habe. Also gibt mir meine Lieblingsschwester eine Vase.
„Mensch Eva!“, höre ich jemanden sagen.
Ich drehe mich um, weiß dass ich die Stimme kenne, aber woher? Ich scheine langsam wirklich durchzudrehen, wenn ich jetzt schon Stimmen höre, oder? Nein, doch nicht ganz. Eine unserer Praktikantinnen sitzt im Flur. Ich freu mich, drücke sie ganz feste. Sie ist echt lieb, und mit ihr kann man viel lachen. Ihr Mann ist auch dabei. Also doch kein neuer Patient, es ist ihr Mann! Auch die beiden bringen mir etwas mit. Saft, und viel, viel Obst. Mmh, lecker! Wir gehen in die Cafeteria. Ich freu mich total auf den Kirscheisbecher, den ich genüsslich esse. Und wir reden. Danach gönne ich mir noch eine heiße Schokolade mit Sahne. Wie lange habe ich so etwas nicht mehr getrunken, ohne ans Kotzen zu denken? Ich kann das richtig genießen. Leider geht die Zeit viel zu schnell vorbei, und ich muss zur Körperwahrnehmung.
„Ziehen Sie schon mal ihr Oberteil aus!“
Das tu ich, auch wenn ich eigentlich nicht möchte. Ich muss mich auf eine Liege legen und den BH öffnen. Was soll das? Was macht die mit mir? Mir ist das alles unangenehm, aber ich sage nichts. Ich bekomme eine Massage. Jeder andere würde sich freuen, aber ich finde das einfach nur ekelig. Diese Berührungen, ich bin geschockt und sprachlos.
Danach gehe ich völlig verwirrt zur Bewegungstherapie. Es ist da zwar ganz lustig, aber ich werde dieses Ekelgefühl nicht los, von den Berührungen. Niemand hat mir zu nahe zu kommen und mich anzufassen. In meinem Bauch kneift es. Wie gerne würde ich jetzt rausgehen und kotzen. Meinen Druck loswerden, aber das geht mal wieder nicht. Ich muss irgendwie damit umgehen, zumindest bis die Bewegungstherapie vorbei ist. Aber vielleicht schaffe ich es auch mal den Druck länger auszuhalten.
Auch zum Kaffee esse ich ein Wenig, und kaum zu glauben, ich habe immer noch nicht gekotzt. Ich muss mich einfach ablenken. Also gehe ich mit meiner Zimmernachbarin, Dana, einkaufen. Als wir zurückkommen steht Andreas vor der Tür. Irgendwie freu ich mich, springe ihm förmlich in die Arme und drücke ihn. Wir reden, dabei verdrücke ich noch ein Stück Kuchen. Dann habe ich keine Lust mehr auf ihn, verschwinde nach oben. Es tut gut zu wissen, dass er mich versteht. Ich konnte ihm sagen, dass es mir zu viel wird, und er schien noch nicht einmal sauer zu sein. Aber der Besuch war trotzdem komisch. Ich habe wieder mehr Spannung aufgebaut.
Abends, ich habe immer noch alles bei mir behalten, bringt Dana dann das Fass zum Überlaufen. Sie erzählt mir ganz trocken, so als ob sie vom Wetter redet, dass sie sich umbringen möchte. Spätestens wenn sie hier raus ist, nimmt sie sich einen Strick. Super, denke ich mir. Ich fass es nicht! Warum erzählt sie mir so etwas. Und das kann ich noch nicht mal weiter sagen. Ich meine, ist ja schön, dass mir jemand vertraut, aber warum gleich so etwas?
Beim Abendessen bekomme ich nichts runter. Ich verschenke alles und verkrieche mich mit meinem Tee auf mein Zimmer, nachdenken.
Dana geht raus. Ich sehe aus dem Zimmerfenster, dass sie nicht nur rauchen geht, sondern das Gelände verlässt. Oh Gott, wenn sie sich was antut, bin ich schuld. Ich hätte sie abhalten müssen, ihr helfen! Vielleicht auch zu den Schwestern, aber ich will nicht petzen! Scheiß Zwickmühle! Ich weiß nicht weiter, bekomme Heißhunger. Erst mal was essen. Schokolade, Tomate, Trinken, kotzen. Das wiederholt sich dann gleich noch mal. Ich renne über den Flur, hin und her, werde unruhig. Mist, ich wollte dem Druck standhalten, und dann so was! Und ich habe noch nicht mal etwas zum ritzen. Die Nagelschere ist zu stumpf. Das kann doch nicht sein! Ich kann nicht mehr, wie soll ich diesen Druck aushalten? Was passiert, wenn sie sich wirklich umbringt. Meine Gedanken kreisen, mir ist schwindelig und schlecht, heiß und kalt, ich zittere. 30 Minuten später ist Dana zurück. Endlich. Ich bin etwas erleichtert, aber sie könnte sich ja auch hier etwas antun, oder beim nächsten Mal, wenn sie raus geht. Ich fühle mich so aggressiv, schlage mit der Faust gegen die Wand, prügel auf mein Kissen ein. Zum Glück bekommt das keiner weiter mit.
Und dann kommt auch noch die Polizei, weil sich Michaela die Beruhigungsspritze nicht geben lassen möchte. Sie ist wieder mal durchgedreht und völlig außer sich.
Ich bin durch den Wind, schlafe die Nacht sehr unruhig und überlege immer wieder, ob ich nicht doch zu den Schwestern gehen soll, etwas sagen. Aber es geht nicht, Dana hat mir vertraut, und ich werde das nicht ausnutzen!




















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Ich habe um 8.00h einen Termin bei der Psychologin. Ich trage meine Hausaufgaben vor, erzähle von der Begegnung mit Andreas, und von der Sache mit der Massage. Natürlich bin ich auch etwas stolz, dass ich wenigstens mittags den Druck ausgehalten habe. Und dann erzähle ich, dass es gestern Abend auch noch einen Schlag gab, danach gekotzt habe. Sie möchte natürlich wissen, worum es geht, aber ich blocke ab. Die Psychologin durchbohrt mich mit Fragen, bis ich schließlich von Dana und allem erzähle. Ich sage ihr, dass ich im Moment in einem tiefen Loch sitze, da alleine nicht mehr raus komme, nicht mehr klar komme. Und ich schaffe es wieder, meine Tränen zu unterdrücken! Aber nicht lange. Bei der Ergotherapie heule ich dann richtig, mag nichts machen. Aber ich muss. Also sticke ich mal wieder.
Im Gruppengespräch erzähle ich meine Pläne für das Wochenende. Ich sage, dass ich froh bin, dass Mama die ganze Zeit bei mir ist, und ich nicht nach Hause muss. Ich glaube in meiner momentanen Verfassung wäre das auch nicht gut. Ich würde wahrscheinlich auf dumme Gedanken kommen, fressen, kotzen und ritzen.
Zurück auf meinem Zimmer bekomme ich wieder einen Schlag. Dana hat eine Beruhigungsspritze bekommen. Die wirkt für drei Tage und soll ziemlich heftig sein. Außerdem hat sie absolute Ausgangssperre. Gut, in dem Zustand könnte sie sowieso nicht raus. Klasse, und das alles nur wegen mir! Ich bin doch eine absolute Petze! Ich kann beobachten wie sie müder und müder wird, fühle mich schuldig. Deshalb gehe ich nach dem Mittagessen erst mal los und kaufe Kuchen, viel Kuchen, damit ich eine Reserve habe, meinen Druck abbauen kann. Eigentlich wollte ich versuchen den Druck auszuhalten, aber ich fange dann doch an, alles gleich in mich hinein zu stopfen. Oben auf Station trinke ich gleich noch etwas hinterher und gehe wieder mal kotzen. Ich glaube ich schaffe es nie davon los zu kommen.
Bei der Körperwahrnehmung muss ich mich heute nach vorne, hinten und zur Seite kippen lassen. Ist ja eigentlich ganz lustig, aber als ich mich dann gegen die Hände der Therapeutin lehnen soll hört der Spaß für mich auf. Ich soll mich einfach fallen lassen. Ich bekomme Angst. Was passiert, wenn sie mich nicht halten kann, ich zu schwer bin, oder sie einfach loslässt? Dann soll ich auch noch die Augen schließen. Es fällt mir schwer bei den ganzen Sachen mitzumachen. Ich kann einer fremden Person doch nicht einfach so vertrauen! Aber ich muss es durchhalten, irgendwie!
Bei der Freizeitbeschäftigung gehen wir ausnahmsweise nicht in den Tierpark sondern machen einen Spielenachmittag. Wir spielen ´Mensch ärgere dich nicht´. Das Spiel scheint endlos zu werden, aber nach fast zwei Stunden müssen wir das abbrechen, weil es Kaffe gibt. Schade eigentlich. Das hat so viel Spaß gemacht.
Oben sehe ich dann wieder Dana, wie sie vor sich hin vegetiert. Mir geht es schlagartig wieder mies. Mir tut das alles so leid! Hätte sie mir nur niemals davon erzählt! Aber so habe ich die Schuld daran!
Beim Kaffe verteilen sagt Schwester Judith:
„Sind sie spazieren gegangen in der Freizeitgestaltung?“
„Nein, wir haben Spiele gespielt.“
„Das sieht so aus, als ob sie ´Mensch ärgere dich nicht´ gespielt haben und sich trotzdem geärgert haben!“
„Nö, habe ja nicht verloren!“
Da kommt Schwester Daniela.
„Ich komme gleich noch mal zu Ihnen!“
Oh, ich glaube, man sieht mir an, dass es mir beschissen geht.
Ich trinke meinen Kaffe, esse von den Keksen, die ich gerade von den Schwestern geholt habe und schmiere mir eine Scheibe Weißbrot. Dann bekomme ich von Dana noch Waffeln, als sie halbwegs wach ist. Aber sie sieht fertig aus. Sie kann kaum richtig sprechen, und aufstehen schafft sie gar nicht.
Danach geht alles ganz schnell. Ich gehe kotzen, präpariere mir wieder den Rasierer, den ich heute morgen gekauft habe und langsam lässt der Druck nach. Das Blut läuft. Nur dummerweise habe ich mir dieses Mal beim Präparieren in den Finger geschnitten. Wahrscheinlich bin ich auch dazu zu blöd! Trotzdem fühle ich mich etwas erleichtert. Irgendein Idiot macht die Tür zum Flur auf und lässt sie offen stehen. Ich tupfe mir das Blut noch mal ab, bedecke meine frischen Wunden mit Toilettenpapier und packe den Rasierer weg. Ich habe nämlich geglaubt, dass es eine Schwester ist, die vielleicht an der Tür steht. Aber da ist niemand. Also schließe ich mich wieder ein. Ich erneuere das Toilettenpapier an meinem Bein, das schon ganz durchblutet ist. Dann gehe ich mir die Hände waschen, bevor ich noch mal kotzen möchte. Aber schon kommt Schwester Daniela um die Ecke.
„Frau Raukuttis?
„Ja, hier bin ich!“
„Ich suche Sie schon! Komme ich zu spät?“
„Kann man sehen, wie man will!“
Eigentlich bin ich der Meinung, sie ist zu früh, hätte mich lieber noch zuende kotzen lassen können! Und dann fängt sie an mit mir zu reden. Ich gehe dabei in Richtung mein Zimmer, mir rutscht das Toilettenpapier langsam im Hosenbein nach unten. Ich muss schnell auf mein Zimmer, bevor das Blut mein Hosenbein durchnässt und sie das auch noch sehen kann. Ich gehe in mein Zimmer, sage ihr, dass ich später zu ihr komme. Gerade reingekommen, rutscht das Papier aus meinem Hosenbein. Noch ein Mal Glück gehabt! Ich warte bis die Wunden aufhören zu bluten, dann ziehe ich meine Hose wieder richtig an, bringe die Plätzchen , oder das was noch davon übrig ist, zu den Schwestern zurück.
Schwester Judith weiß schon dass ich wieder gekotzt habe. Toll, es tut mir alles mal wieder leid. Ich hasse mich dafür, dass ich das getan habe. So wird das nie was! Ich muss endlich damit aufhören!
Kurze Zeit später gabelt mich Schwester Daniela in meinem Zimmer auf. Wir setzen uns in die hinterste Ecke vom Flur, so dass uns niemand hören kann. Ich erzähle ihr von gestern, wie ich mich nun fühle und dass die ganze Therapie und alles keinen Sinn mehr hat. Ich kann einfach nicht mehr, dabei möchte ich doch von all dem loskommen! Sie versucht mich aufzumuntern, von meinen Gedanken abzubringen, aber ich, so wie ich nun mal bin, bleibe stur. Genau das darf ich mir dann auch anhören. Super, jetzt fängt sie auch noch an. Es tut mir schon wieder leid. Egal wie ich mich verhalte, es ist bestimmt falsch. Aber trotzdem geht´s mir etwas besser.
Zum Abendessen packe ich mir wieder das Brot ein und verschwinde auf meinem Zimmer. Wie es das Schicksaal möchte, kommt Schwester Daniela:
„Na, keinen Hunger?“
„Nee, jetzt nicht mehr!“
„Wie nicht mehr?“
„Habe halt keinen Hunger mehr, aber ich war brav und habe es für später aufbewahrt!“
„Aha!“
Und später esse ich dann auch. Schwester Daniela fragt mich ein paar Mal ob alles okay ist. Ich bringe nicht mehr als „Mmh!“ über die Lippen. Sie glaubt mir nicht. Kein Wunder In Ordnung ist nichts! Nicht so lange wie ich hier bin, kotze und mich halb aufschlitze!
Sie sagt mir, ich soll auf bessere Gedanken kommen, sonst müsste sie in ihrem Urlaub darüber nachdenken, und sich Sorgen machen... Super, jetzt ist es schon so weit, dass ich anderen den Urlaub versaue! Das will ich nicht! Sie soll über was anderes nachdenken, aber nicht über mich. Ich bin das nicht wert! So ähnlich sage ich ihr das auch, aber sie meint es gäbe Patienten die sie gerne mag, und welche die sie weniger gerne mag, und sie hätte ja nicht umsonst nächtelang mit mir gequatscht. Ja, da hat sie Recht! Das war schon etwas komisches außergewöhnliches! Die Zeit möchte ich nicht missen! Und nun muss ich daran denken, dass sie zwei Wochen nicht da sein wird. Wie soll das bloß werden? Gerade sie. Die, der ich am meisten vertrauen kann! Ich werde sie total vermissen, die ´Kleine´!
Und weil ich schon mal so scheiße drauf bin, darf ich nun auch nicht mehr raus heute... Als ob ich mir gleich was antue!
„Und sie wollten morgen doch auch ein Wenig Zeit Zuhause verbringen, oder?“
„Eigentlich schon, aber von mir aus können Sie mir das ja auch noch versauen! Ist mir egal!“
„Hey, ich will Ihnen das gar nicht versauen!“
„Aha!“
Und so geht auch der letzte Tag mit ihr vorbei. Schade.
Abends kommt sie noch mal, um sich von mir zu verabschieden.
„Ich hoffe, dass wir uns hier auf der Station nicht so schnell wiedersehen!“
„Meinen Sie etwa, dass ich in zwei Wochen hier schon draußen bin?“
Ich bin total entsetzt, das schaffe ich niemals! Aber ich versuche mir nichts anmerken zu lassen.
„Der Chefarzt hat gesagt, dass ich noch etwas bleiben muss!“
„Ach, Sie müssen nur darauf drängeln, dann wird das schon!“
„Ach so! Schönen Urlaub dann!“
Ich bin traurig. Wir haben heute über so vieles geredet. Sie ist so lieb. Aber vielleicht ist es besser so. Ich mag sie einfach zu gerne, und da das nicht sein kann, und niemals sein wird, ist es besser, ich sehe sie nie wieder!
Zur Nacht bekomme ich dann noch eine Schlaftablette. Die Schwester sagt, dass ich zu ihr kommen kann, wenn ich nicht schlafen kann, weil ich ja so aufgewühlt bin. Aber ich kann schlafen. Wie immer unruhig.









-27-

6.45h, aufstehen! Ich bin müde und drehe mich noch mal um. Als ich mich dann endlich aufraffe habe ich gerade mal Zeit mich anzuziehen und mir etwas Wasser in mein Gesicht zu schmeißen. Dann gibt es Frühstück. Ich habe wieder keinen Hunger, packe mir die Sachen ein und verschwinde auf meinem Zimmer. Ich bin so müde, lege mich gleich schlafen. Dummerweise habe ich nicht an die Tabletten gedacht. Da steht auch schon Schwester Anna vor meinem Bett.
„Einmal muss ich Sie noch wecken, nehmen Sie die Tabletten und dann lassen wir Sie in Ruhe schlafen.“
„Hmm, danke!“
Wow, was für ein Service! Das wird mir aber erst bewusst, als ich um 10h wach werde und langsam zu mir komme. Mein Magen knurrt. Jetzt habe ich Hunger. Schnell frühstücken!
Danach packe ich meine Sachen zusammen, die Mama waschen soll. Ich wasche mich selber und föne meine Haare. Außerdem schminke ich mich etwas.
Das Mittagessen ist heute zu spät. Typisch. Da hat man mal Ausgang, und dann läuft nichts nach Plan! Den Eintopf habe ich nur probiert, wir fahren ja glich noch zu Burger King.
Ich hole mir meine Tabletten ab, die ich mittlerweile immer ganz brav nehme.
„Ist Ihr Besuch schon da?“
Das war Schwester Anna. Mist, dann hat mir Schwester Daniela doch den Ausgang versaut! Die lassen mich bestimmt nicht gehen. Ich schau auf die Uhr.
„Die müssten jeden Moment da sein. Ich darf ja für fünf Stunden raus heute!“
„Ach so, aber Sie werden abgeholt und auch wieder hergebracht, oder?“
„Ja, und ich bleibe auch den ganzen Tag mit meiner Mama zusammen. Wir fahren nur etwas durch die Gegend, mal schauen.“
„Dann ist gut. Einen schönen Tag dann!“
„Danke, gleichfalls!“
Was war das denn jetzt für ein Verhör? Hörte sich ja fast an als ob die sich da Sorgen machen...
Ich gehe runter, muss nicht lange warten bis Mama und Kyra kommen. Wir fahren in die Stadt. In einer Bäckerei hole ich mir ein Stück Kuchen. Mmh, lecker! Lange habe ich nicht mehr so intensiv den Marzipangeschmack verspürt. Es schmeckt herrlich!
Als nächstes esse ich gleich mal das Eis von Kyra auf. Mmh...!
Als wir endlich bei Burger King sind, esse ich einen Cheeseburger und ein Stück heißen Kuchen mit Eis. Dazu einen Milchshake.
Später fahren wir noch etwas einkaufen, danach wieder zu Burger King. Ich trinke einen Milchkaffee. Die Stimmung ist gedrückt, außerdem bin ich müde. Mir ist kotzübel. Ich merke gleich, es muss raus. Ich halte es nicht mehr aus.
„Aber nicht kotzen gehen!“
„Nein!“, kontere ich.
Es will raus. Ich beuge mich vorne über, es kommt ganz von alleine. Ich muss mich beeilen, damit Mama keinen Verdacht schöpft. Und das schaffe ich auch. Keiner merkt etwas. Glück gehabt! Aber ich ärgere mich trotzdem, wollte ich es doch ohne schaffen! Mist. Ich fühle mich miserabel, möchte eigentlich nur noch zurück in die Klinik.
Mama ist auch den ganzen Tag irgendwie komisch. Sie sagt immer wieder, dass sie Angst hat was falsches zu machen, und sie weiß nicht ob es überhaupt richtig war, zu Burger King zu fahren. Na ja, ich hätte auch überall woanders kotzen können! Es ist ja eigentlich lieb, dass sie sich so viele Sorgen macht, aber ich will das nicht, es geht schon! Außerdem nervt das übervorsichtige etwas!
Ich kaufe noch einen riesigen Milchshake für Dana. Das bin ich ihr schuldig. Schließlich kann sie ja wegen mir keinen kaufen gehen.
Als ich endlich wieder in der Klinik bin, bin ich froh. Das hat so etwas vertrautes, sicheres. Ich fühle mich beschützt. Hier kann mir nichts passieren.
Mir ist immer noch kotzübel. Ich packe mir mein Abendessen wieder für später ein, gehe schlafen. Die Schwestern holen mich zu den Tabletten. Schwester Judith erzählt mir von einem Konzert. Wir reden etwas über Musik. Mir scheint es ein Wenig besser zu gehen. Ich lege mich wieder hin, kann aber die ganze Nacht nicht schlafen. Ich muss immer wieder daran denken, ob das alles richtig war, was ich der Psychologin erzählt habe. Vielleicht hätte ich doch nichts von Danas Gedanken erzählen sollen. Wäre das vielleicht besser gewesen? Und ich habe sowieso schon viel zu viel von mir erzählt. Vielleicht sollte ich einfach meine Sachen packen und morgen früh gehen. Aber was passiert dann? Ich werde nicht im Hotel arbeiten können, und wo soll ich hin? Ich will nicht zurück in meinen Bungalow. Mein Kopf dröhnt, ich bin fertig. Ich weiß weder vor noch zurück. Egal wie, es scheint immer falsch zu sein, was man auch macht, den perfekten Weg gibt es nicht.
Also entscheide ich mich dafür an meinem sicheren Ort zu bleiben. Zumindest vorerst...














-28-

Aufstehen, ich bin noch so müde. Vielleicht sollte ich nachts doch mal lieber schlafen! Hunger habe ich mal wieder nicht, also schmiere ich mir wie üblich die Brötchen, nehme meine Teetasse und verschwinde in meinem Zimmer. Nur schlafen! Dieses Mal muss ich für die Tabletten aufstehen. Aber danach kann ich endlich schlafen. Zwischendurch werde ich wach und esse mein Frühstück. Zum Mittag werde ich unsanft geweckt.
„Aufstehen!“
Ich peil gar nichts. Was will denn die Schwester von mir?
„Mittagessen!“
„Ja, komme sofort!“
„Was?“
„Bin gleich da!“
„Okay!“
Ich stehe auf, streiche mir kurz mit der Bürste durch das Haar und gehe in den Essensraum. Wie mechanisch esse ich mein Mittag und gehe wieder aufs Zimmer.
Dana ist immer noch total fertig. Oh Gott, was habe ich ihr nur angetan? Sie tut mir so leid!
Bis zum Abend läuft der Tag eigentlich normal, dann gehe ich duschen. Meine Beine sind so hässlich behaart, ich rasiere mich. Ich halte es nicht mehr aus. Ich hasse diesen Körper. Er ist ekelig und dick! Ich präpariere meinen Rasierer und fange an zu ritzen. Ich fühle mich mies, mir ist warm. Was mache ich eigentlich hier? Aber als das Blut läuft vergesse ich alles. Es tut gut. Aber schlagartig wird mir bewusst, was ich tu. Ich fange an zu zittern. Schnell packe ich alles weg, ziehe mich an und gehe auf mein Zimmer.
Abends redet Schwester Judith mit mir, und ich erzähle was ich getan habe. Sie muntert mich wieder auf. Und zum Schluss, oh Gott, bin ich peinlich, lasse ich sie etwas von meinem selbstgesungenen hören. Ziemlich mies, aber etwas besseres habe ich nicht mit. Mir geht es jetzt besser.
Später quatsche ich noch mit Gabriela und Sandra. Sie ist lesbisch und steht dazu. Ich finde das voll gut!
Ich hole mir eine Schlaftablette und schlafe die Nacht relativ gut.



den Rest lest ihr vielleicht bald in einem Buch, suche nämlich gerade nach einem Verlag, der dies veröffentlicht...

Hoffe es gefällt euch!!!!!

 



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